"notensetzen XIV - XV" - für Akkordeon und E-Gitarre - 2013 [Video]
UA 2013 Uwe Mahnken und Jörgen Brilling

"notensetzen XI - XIII" - für Fagott, Viola und Violoncello - 2011
UA 2011 Maria Gstättner, Julia Purgina und Michael Moser

"notensetzen V - X" - für Sextett - 2010
UA 2010 modern art ensemble
[Klangbeispiel]

"notensetzen IV" - für Stimme - 2010
UA 2010 Pèter Köszeghy

notensetzen III” - für Orgel - 2010
UA 2010 Thomas Noll

notensetzen II” - für Knochenflöten und Percussion - 2010
UA 2010, Friederike Potengowski, Georg Wieland Wagner  (Klangbeispiel)

notensetzen I” - für Klarinette, Akkordeon und Live-Elektronik - 2009
UA 2010, Matthias Badczong, Christine Paté, Martin Daske (Klangbeispiel) 
[Video]

Notensetzen
Gedanken zum Notensetzen


Was für eine Idee:

Ein musikalischer Setzkasten, der zur Partitur wird.
Ein Sandkasten, in dem Objekte angeordnet werden, um musiziert zu werden.
Geht das auf?

Nachdem Computerschreibprogramme zu einer Uniformität der Notenschrift geführt haben, die zwar praktisch ist, aber eine vollständige Entpersönlichung des Notenbildes zur Folge haben (und die z.B. ein Faksimile obsolet machen), ist Notensetzen eine radikale Umkehr zur optischen Schönheit einer Partitur, zu klarer Form und Ästhetik.
Reduziertes Material ist Wegweiser:

- Schwarzer und weißer Sand
- Fragmente einer Violine
- eine zersägte Schellackplatte
- Glassplitter...

Notensetzen ist eine Einladung an den intelligenten Musiker sich als homo ludens selbst in das musikalische Geschehen einzubringen, Varianten zu setzen und so mit vorgegebenem musikalischen Grundmaterial zu spielen.
Die zu setzenden Objekte bestimmen den musikalischen Gestus.

Anders als in den „Folianten“ wird hier das statische Moment aufgelöst, die Form wird nur noch bestimmt durch den Rahmen und das strenge Material. 
Zur Dreidimensionalität gesellt sich beim „Notensetzen“ noch die Variabilität der zu setzenden Objekte, deren Anordnung wenigen Spielregeln unterworfen ist.
Die scheinbare Strenge durch Materialreduktion und ungefähre Zeitvorgaben - ergänzt durch an die traditionellen Charaktervorgaben gemahnende Spielanweisungen, wie "zu tode betrübt", "flügelschlagend", "vor wut heulen könnend" - geht einher mit der Freiheit des Interpreten, die Objekte frei horizontal oder vertikal anzuodnen, zu überlagern, Spuren/Abdrücke der vorhergehenden Variationen mitzuspielen, auf Lichteinfälle und Schattenwurf zu reagieren  und sich gegebenenfalls - sowohl beim Notensetzen, als auch bei der Interpretation - vom Mitspieler inspirieren zu lassen.
Welch ein Reiz, die Noten neu zu setzen oder dem Zyklus - jeweils umgesetzt - zu folgen!

Werktreue ist hier neu definiert:
Die "Umlegbarkeit" ist gleichzeitig eine "Unzerlegbarkeit".
Materialteile werden zu Motivsplittern, ihre Formen zu musikalischen Gesten und ihre Anordnung zur großen Form.
Die geforderte mehrmalige Neuordnung der Objekte generiert ein Variationenwerk, das in der Tradition der großen Zyklen von Bach, Beethoven und Brahms steht, sie ins Heute wendet und den zeitgenössischen Musiker zum Mitschöpfer macht.

Ein Glasperlenspiel.
Ein Kunstwerk.
Ein musikalischer Setzkasten.

Das geht auf.


Rainer Rubbert, 2010



Notensetzen

Man stelle sich ein sehr flaches (vielleicht 1,5 cm hohes) "Aquarium" vor (Grundfläche ca. DIN A 3). Dies ist mit weißem Sand gefüllt (nicht randvoll) und läßt sich mit einem Deckel transportsicher verschließen. Die "Noten" bestehen - wie bei den "Folianten" z.B. aus einer zersägten Violine, die Formen ähneln den Elementen der grafischen Partituren mit Tusche, Bleistift und Rotwein. Anders als bei diesen sind die Positionen der Noten/Ereignisse nicht festgelegt, sondern können vom Interpreten "gesetzt" werden. Für die Positionierung gibt es vom Komponisten keine präzise Vorgabe, nur eine Art kurze Gebrauchsanweisung (ca. 3 Zeilen). Man kann die Objekte z.B. auch senkrecht in den Sand stecken. Festgelegt sind lediglich der Rahmen, also der "Sandkasten" sowie die Formen der Elemente. Diese "mobile Partitur" hält also ein unerschöpfliches Potential an musikalischen Texturen bereit. Die "Ereignisse" sind dabei in sich strukturiert und durchaus komponiert, die Abfolge, Überlagerungen usw. sind offen und können vom Musiker jeweils neu "gelegt" bzw. "gesteckt" werden. Es handelt sich also keineswegs um Improvisation, sondern um eine konsequente Fortführung der "Folianten"-Idee, die für Christian Wolff die Frage aufwarf: "Was ist die Beziehung zwischen der Dauerhaftigkeit eines Objektes und der Flüchtigkeit von Musik?" In diesem Fall hebt sich die Grenze zwischen dem akustischen und visuellen Aspekt eines Musikstückes fast ganz auf. Die einmal "gesetzte" Partitur existiert - genau wie die musikalische Darbietung - nur für den Moment der Aufführung. Die kreative Leistung des Interpreten beginnt jedoch schon vorher - also bereits mit dem „Arrangement“ der Partitur.  Das „Notensetzen“ ist also generative Kunst sui generis/in ihrem ureigenen Sinn, die den Entstehungsprozess und nicht das ein- für allemal fixierte Endprodukt eines Kunstwerkes in den Mittelpunkt stellt.
So ist der Musiker bei jeder Aufführung aufs Neue dazu aufgefordert, eine neue Formen- und Klangsprache zu finden.  Das bedeutet einmal mehr: eine große Freiheit für den Musiker, der den vom Komponisten festgesetzten Paradigmen mit Respekt und Verantwortung, aber auch mit jeder Menge spielerischer Neugierde begegnen darf. Das „Notensetzen“ ist ein Spiel vor dem eigentlichen „Spiel“.

Carmen Gräf, 2010