Ausschnitt “mémoiren eines echonebels” (in Arbeit)
Ausschnitt “mémoiren eines echonebels” (in Arbeit)
Die "folianten" sind eine Erweiterung der "graphischen Notation" wie sie in den 50er
Jahren entstanden ist (Beispiele finden sich in den Arbeiten von Earle Brown, Sylvano
Bussotti, Cornelius Cardew): eine Erweiterung in die 3. Dimension mit einer verstärkten
Verwendung von Farbe und einem vielseitigen Gebrauch von beweglichen
transparenten Materialien (John Cage hat solche Materialien bereits 1958 in "Variations
I" eingeführt). Eben diese Dreidimensionalität und die Beweglichkeit sind das
Entscheidende. Erstere, da sie es diesen Werken ermöglicht, im Prinzip unabhängig
von jeglichen Gedanken an bekannte musikalische Notation zu bestehen (Zeichen und
Bilder auf einer Fläche, die zueinander in Beziehung gebracht werden durch vertikale
und horizontale Koordinaten). Zweite, da sie erlaubt, ein plastisches Konzept auf
Musikalisches anzuwenden (hinsichtlich der Notation) Ungeachtet ihrer Präsenz und
Eigenständigkeit als visuelle und plastische Objekte beinhaltet die Bildsprache dieser
Werke viel Musikalisches. Sie verkörpern Teile von Musikinstrumenten, verdeutlicht
durch die Benennung bestimmter Instrumente. Sie sind elegante Darstellungen
musikalischen Materials. Und sie sind auch für einen musikalischen Gebrauch
bestimmt, d.h. um Musik zu machen. Als solche werfen sie im Hinblick auf die
Beziehung von Notation und Aufführungspraxis interessante Fragen auf. Wie läßt sich
z.B. die räumliche Tiefe der folianten (die hinzugefügte Dimension) in musikalische
Wendungen umsetzen? Wörtlich verstanden (also etwa durch die Plazierung der
Klänge auf dem Klangkörper?) oder bildlich (etwa durch eine variable Klangdichte)?
Oder, wie ist die Beziehung zwischen dem zeitgebundenen, linearen Charakter eines
Klanges zum Raum? In welchem Sinne bestimmt eine visuell konzipierte Struktur eine
akustisch konzipierte? Wenn eine ausgezeichnete musikalische Arbeit schon auf eine
graphisch unschöne Weise notiert sein kann, welche musikalische Funktion hätte dann
eine anregende und anoprechende Art der Notation? Was ist die Beziehung zwischen
der Dauerhaftigkeit eines Objektes und der Flüchtigkeit von Musik? Können die
musikalischen Implikationen (etwa die Beweglichkeit und Zartheit von Bewegung in
Zeit) dieser Werke ihnen so etwas wie eine musikalische Seele verleihen, sie
sozusagen entstarren, ent-dinglichen? Die Geschichte der Notation begann als ein der
Musikpraxis folgendes Niederschreiben, als Lehrbeispiel und Gedächtnisstütze und
diente als Bezeichner und Erfinder einer bestimmten Art von Geschichte. Die folianten
sind, paradoxerweise, sowohl Vorwegnahme von Notation als auch Rückführung auf
eine ursprüngliche musikalische Praxis, irgendwie losgelöst von der Geschichte.
Christian Wolff
Das Versagen zeitgenössischer innovativer Kunstwerke hat seine Ursache meist
nicht in der Ablehnung durch das Publikum. Denn diese Ablehnung beruht lediglich
auf dem Schema verspäteter Akzeptanz, auf dem Phänomen eines grundsätzlichen
temporären Unverständnisses. Vielmehr liegt das Versagen an einer Mißachtung der
Möglichkeit, die Grenzen von Kunst ständig neu zu definieren durch diejenigen, deren
Aufgabe gerade darin bestehen sollte: nämlich durch die Künstler. Kunst als Vielfalt
und Veränderung, als Vieldeutigkeit und Vielgestaltigkeit zu begreifen, bedarf es nicht
nur einer Toleranz, sondern auch eines festen Glaubens daran, daß jede Grenze
überschritten werden muß. Der Verlust der Individualität - sowohl in Bezug auf die
Ausdrucks-als auch auf die Wahrnehmungsfähigkeit -erscheint uns
selbstverständlich. Unverständlich hingegen und in höchstem Maße unanständig ist,
daß offensichtlich die Mehrzahl derjenigen, deren Selbstverständnis von ihrer
persönlichen Ausdrucksfähigkeit bestimmt sein sollte, sich diesem Verlust nicht
entziehen können: nämlich die Künstler. Daske, der abseits aller Moden und
Strömungen komponiert, hat bereits viele Gegner - die allerdings nicht aus den
Reihen des Publikums stammen, welches generell neugierig ist und bereit Fehler zu
verzeihen und Schönes in neuen, auch innovativen Werken zu entdecken. Nein,
gegen Daske werden sich die stellen, die der Überzeugung sind, Kreativität und
Innovationen zu verstehen: nämlich die Künstler. Unsere Kulturlandschaft besteht
heute aus Namen, nicht aus Werken. Es ist grausam festzustellen, wie viele
schlechte Werke von etablierten Komponisten stammen. Man verzeiht großen Namen
auch dilettantische Fehler. Die Fixierung auf neue Heiligenscheine trübt den Blick für
das Außergewöhnliche in den Werken noch unbekannter Künstler. Kunst ist
unerschöpflich, erschöpft sind nur diejenigen, die das begrenzte Feld des schon
Bekannten nicht verlassen können. Kunst bedeutet Freiheit und also auch die
Freiheit, sich von der Kunst der Anderen zu lösen. Man muß neue Wege gehen,
hinter jeden Vorhang sehen, Kunstwerke erschaffen, deren Ausgangspunkte bis vor
wenigen Minuten noch nicht in der Topographie der Ästhetik verzeichnet waren.
Ausgangspunkte, die den Blick auf neue Perspektiven richten. Im kleinsten Bereich
schon große Fragen stellen und kreativ beantworten, das zu tun bereit sind nur
wenige dieser Zeit: der Deutsche Klaus K. Hübler, der Italiener Alberto Caprioli und
auch der Berliner Martin Daske, der, obwohl viel jünger, hinter den Erstgenannten in
seiner Frechheit und künstlerischen Bereitschaft, anders zu sein. nicht zurücksteht.
Nun zu den Folianten: Ihre Bedeutung möchte ich an meinem schon klassisch
gewordenen Motiv zeigen:
 
Die Abstände sind gleich, die zweite Note ist höher als die erste, die dritte zweimal
tiefer als die zweite.
Drehen wir jetzt das Motiv um 60 Grad:
Das Motiv sieht jetzt ganz anders aus. Der rhythmische Abstand zwischen der ersten
Note und der zweiten ist sehr klein, der zwischen der zweiten und dritten bedeutend
vergrößert. Die Intervalle sind andere und stehen nicht mehr in der Proportion 1:2.
Und - die Reihenfolge der Noten erscheint jetzt anders: 3,2,1 Je nach dem Grad der
Drehung des Motives ändert sich der musikalische Sachverhalt, Intervalle, Rhythmen
und Reihenfolge. Das bedeutet nichts weiter, als daß in diesem ursprünglichen Motiv
eine unglaubliche Vielfalt steckt, es enthält mehr Möglichkeiten als man auf den
ersten Blick erkennt. Kunst ist beweglich - man muß sie nur bewegen wollen. Die
Folianten zeigen das deutlich. Sie zeigen Proportionen auf, die mehr in sich bergen
als das, was man durch ein Schlüsselloch beobachten kann. Natürlich können wir
auch eine Landschaft durch ein Schlüsselloch betrachten - und sie kann uns auch
gefallen. Aber so lernen wir die große,weite Welt nicht kennen. Die Folianten können
uns lehren, daß wir mehr erfahren, wenn wir die Schlüssellöcher der behäbigen
Erfahrungen ingnorieren und statt dessen die Türen selbst öffnen.
Boguslaw Schaeffer
da der auslöser zur entwicklung einer musikalischen form oft im visuellen erleben liegt,
ergab sich die notwendigkeit für eine notation, durch die das ineinandergreifen und
gegenseitige beeinflussen dieser beiden sensorischen bereiche ausgedrückt werden konnte.
dies führte zu dem konzept einer dreidimensionalen notation und der erfindung der folianten.
ein foliant ist ein kammermusikwerk, komponiert für ein bestimmtes instrument und - im
idealfall - für einen bestimmten interpreten. jeder foliant ist ein unikat. die anzahl ist auf
einhundert verschiedene exemplare limitiert.
der grundaufbau besteht aus einer runden scheibe, auf der bestimmte konstruktionen vor
dem hintergrund einer rückwand, die das notensystem indiziert, arrangiert sind. die
einzelnen elemente dieser konstruktionen lassen sich als noten (in dauer und tonhöhe
variierend), als klangfarbe,artikulation und ausdruck decodieren. entsprechend dem
umblättern von seiten kann die scheibe gedreht und auf eine andere position eingestellt
werden - der jeweiligen interpretation entsprechend. dies ermöglicht eine vollkommen neue
ansicht und natürlich auch neue konstellationen der bereits bekannten faktur. die endgültige
musikalische version entsteht in zusammenarbeit von interpret und komponist. das
klangliche resultat hat zwei aspekte: einen geschlossenen, streng definierten (durch die
konstruktion) und einen offenen, flexiblen (durch die wahl., kombination, und dauer jeder
position).
ein foliant soll ausdruck der gegenseitigen beeinflussung akustischer und visueller formen
und farben sein - als anregung nicht zur improvisation, sondern vielmehr zur selbständigen
gestaltung dieser komposition in all ihren aspekten - auch den räumlichen.
martin daske/farah syed
Foliant 30 - für Viola - 2010
Foliant 29 - für Kontrabass - 2009
Foliant 31 - für Gitarre - 2010