Das Versagen zeitgenössischer innovativer Kunstwerke hat seine Ursache meist
nicht in der Ablehnung durch das Publikum. Denn diese Ablehnung beruht lediglich
auf dem Schema verspäteter Akzeptanz, auf dem Phänomen eines grundsätzlichen
temporären Unverständnisses. Vielmehr liegt das Versagen an einer Mißachtung der
Möglichkeit, die Grenzen von Kunst ständig neu zu definieren durch diejenigen, deren
Aufgabe gerade darin bestehen sollte: nämlich durch die Künstler. Kunst als Vielfalt
und Veränderung, als Vieldeutigkeit und Vielgestaltigkeit zu begreifen, bedarf es nicht
nur einer Toleranz, sondern auch eines festen Glaubens daran, daß jede Grenze
überschritten werden muß. Der Verlust der Individualität - sowohl in Bezug auf die
Ausdrucks-als auch auf die Wahrnehmungsfähigkeit -erscheint uns
selbstverständlich. Unverständlich hingegen und in höchstem Maße unanständig ist,
daß offensichtlich die Mehrzahl derjenigen, deren Selbstverständnis von ihrer
persönlichen Ausdrucksfähigkeit bestimmt sein sollte, sich diesem Verlust nicht
entziehen können: nämlich die Künstler. Daske, der abseits aller Moden und
Strömungen komponiert, hat bereits viele Gegner - die allerdings nicht aus den
Reihen des Publikums stammen, welches generell neugierig ist und bereit Fehler zu
verzeihen und Schönes in neuen, auch innovativen Werken zu entdecken. Nein,
gegen Daske werden sich die stellen, die der Überzeugung sind, Kreativität und
Innovationen zu verstehen: nämlich die Künstler. Unsere Kulturlandschaft besteht
heute aus Namen, nicht aus Werken. Es ist grausam festzustellen, wie viele
schlechte Werke von etablierten Komponisten stammen. Man verzeiht großen Namen
auch dilettantische Fehler. Die Fixierung auf neue Heiligenscheine trübt den Blick für
das Außergewöhnliche in den Werken noch unbekannter Künstler. Kunst ist
unerschöpflich, erschöpft sind nur diejenigen, die das begrenzte Feld des schon
Bekannten nicht verlassen können. Kunst bedeutet Freiheit und also auch die
Freiheit, sich von der Kunst der Anderen zu lösen. Man muß neue Wege gehen,
hinter jeden Vorhang sehen, Kunstwerke erschaffen, deren Ausgangspunkte bis vor
wenigen Minuten noch nicht in der Topographie der Ästhetik verzeichnet waren.
Ausgangspunkte, die den Blick auf neue Perspektiven richten. Im kleinsten Bereich
schon große Fragen stellen und kreativ beantworten, das zu tun bereit sind nur
wenige dieser Zeit: der Deutsche Klaus K. Hübler, der Italiener Alberto Caprioli und
auch der Berliner Martin Daske, der, obwohl viel jünger, hinter den Erstgenannten in
seiner Frechheit und künstlerischen Bereitschaft, anders zu sein. nicht zurücksteht.
Das Motiv sieht jetzt ganz anders aus. Der rhythmische Abstand zwischen der ersten
Note und der zweiten ist sehr klein, der zwischen der zweiten und dritten bedeutend
vergrößert. Die Intervalle sind andere und stehen nicht mehr in der Proportion 1:2.
Und - die Reihenfolge der Noten erscheint jetzt anders: 3,2,1 Je nach dem Grad der
Drehung des Motives ändert sich der musikalische Sachverhalt, Intervalle, Rhythmen
und Reihenfolge. Das bedeutet nichts weiter, als daß in diesem ursprünglichen Motiv
eine unglaubliche Vielfalt steckt, es enthält mehr Möglichkeiten als man auf den
ersten Blick erkennt. Kunst ist beweglich - man muß sie nur bewegen wollen. Die
Folianten zeigen das deutlich. Sie zeigen Proportionen auf, die mehr in sich bergen
als das, was man durch ein Schlüsselloch beobachten kann. Natürlich können wir
auch eine Landschaft durch ein Schlüsselloch betrachten - und sie kann uns auch
gefallen. Aber so lernen wir die große,weite Welt nicht kennen. Die Folianten können
uns lehren, daß wir mehr erfahren, wenn wir die Schlüssellöcher der behäbigen
Erfahrungen ingnorieren und statt dessen die Türen selbst öffnen.